Bei Medizinprodukte- und IVD-Herstellern verbindet das ERP Einkauf, Lager, Fertigung, Rückverfolgbarkeit und Finanzprozesse. Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob Aufträge gebucht werden können. Entscheidend ist, ob Produkt- und Prozesshistorien nachvollziehbar bleiben und qualitätsrelevante Kontrollen im System verankert sind.
Dynamics 365 bringt viele Grundlagen bereits im Standard mit. Business Central unterstützt Serien-, Chargen- und Paketnummern sowie Ablauf- und Garantiedaten. Seit Business Central 2026 Release Wave 1 stellt Microsoft zusätzlich ein eigenes Quality-Management-Modul mit Inspektionen, Lot Blocking, Workflows und der Verarbeitung nichtkonformer Ware bereit. Finance & Supply Chain bietet darüber hinaus tiefere Funktionen für Quality Orders, Sampling, AQL, Nonconformance Management, Inventory Blocking und die Verknüpfung von Chargen und Seriennummern aus Komponenten und Fertigprodukten.
Das macht keine der Plattformen automatisch zu einem compliant oder validierten MedTech-ERP. Der Mehrwert entsteht durch das richtige Prozessdesign, kontrollierte Stammdaten, klare Verantwortlichkeiten und einen nachvollziehbaren Systemlebenszyklus.
Die relevanten Anforderungen entstehen entlang der Wertschöpfung. Wir betrachten deshalb nicht einzelne Module, sondern die Nachweiskette vom Lieferanten über Material und Fertigung bis zum ausgelieferten Produkt.
Rückverfolgbarkeit muss in beide Richtungen funktionieren: Welche Materialien und Chargen sind in ein Produkt eingeflossen, und welche Produkte, Kunden oder Standorte sind von einer bestimmten Charge oder Seriennummer betroffen? Microsoft dokumentiert diese Logik sowohl für Business Central als auch für Supply Chain Management.
Für regulierte Hersteller kommt eine zweite Ebene hinzu: Wer durfte Daten ändern, welche Qualitätsentscheidung wurde getroffen und welche regulatorischen Attribute gehören zum Produkt?
| Bereich | Typische Anforderung |
|---|---|
| Material & Einkauf | Chargen, Seriennummern, Lieferantenbezug, Prüfstatus und Sperrlogik. |
| Fertigung | Stücklisten, Verbrauch, Komponenten-zu-Fertigprodukt-Traceability und Produktionshistorie. |
| Qualität | Prüfungen, Quality Orders, Abweichungen, Bestandsblockierung und Freigabestatus. |
| Produktstamm | Artikel, Varianten, Verpackungshierarchien, UDI-relevante und regulatorische Attribute. |
| Logistik | Bestand, Lagerstatus, Ablaufdaten, Rückruf- und Where-used-Auswertungen. |
| Service | Seriennummer, installierte Basis und Übergabe in qualitätsrelevante Reklamationsprozesse. |
Die Entscheidung ist keine reine Frage der Unternehmensgröße. Sie hängt davon ab, wie komplex Fertigung, Lager, Qualitätskontrollen, internationale Gesellschaften und Traceability wirklich sind.
| Kriterium | Business Central | Finance & Supply Chain |
|---|---|---|
| Serien- und Chargenverfolgung | Im Standard vorhanden, inklusive Paket-, Ablauf- und Garantiedaten. | Im Standard vorhanden, inklusive tiefer Fertigungs-Traceability. |
| Quality Management | Seit 2026 Microsoft-QM mit Inspektionen, Lot Blocking, Workflows und Nonconformance-Verarbeitung. | Quality Orders, Sampling, AQL, Nonconformance Management und Inventory Blocking. |
| Fertigung & Warehouse | Gut für überschaubare bis mittlere Komplexität. | Für komplexe Produktions-, Warehouse- und Supply-Chain-Szenarien. |
| Organisation | Schlankere Betriebs- und Prozessmodelle. | Komplexe Multi-Entity- und internationale Strukturen. |
| Entscheidungsregel | Prozess- und Kontrollbedarf zuerst. Unternehmensgröße erst danach. | |
Business Central für Medizintechnik: was der Standard trägt
Ausführlicher Vergleich: Business Central oder Finance & Supply Chain?
Unser Zielbild ist kein ERP voller Sonderprogrammierung. Standardprozesse bleiben im Standard. Regulatorische Datenmodelle, Freigaben oder spezialisierte Fachanwendungen werden nur dort ergänzt, wo der Prozess sie wirklich braucht.
UDI, EUDAMED, Rückverfolgbarkeit und Validierung sind keine Zusatzthemen nach der ERP-Einführung. Sie bestimmen mit, wie Artikel, Varianten, Chargen, Seriennummern, Freigaben und Änderungen strukturiert werden müssen.
Deshalb verbinden wir ERP-Architektur direkt mit EUDAMED und UDI sowie der Validierung von Dynamics 365.
In der Digitalisierungs-Standortbestimmung betrachten wir Prozesse, Systemlandschaft, regulatorische Anforderungen und Microsoft-Fit gemeinsam. Das Ergebnis ist kein Produkt-Pitch, sondern ein priorisiertes Zielbild mit Systemgrenzen, Handlungsfeldern und den nächsten sinnvollen Entscheidungen.
Microsoft Learn: Quality Management in Business Central
Microsoft Learn: Serien-, Chargen- und Paketnummern in Business Central
Microsoft Learn: Tracked Components in Supply Chain Management
Microsoft Learn: Quality Management in Supply Chain Management
Die konkrete Eignung von Business Central oder Finance & Supply Chain hängt von Prozessen, Kontrollbedarf, Systemgrenzen und Erweiterungen ab. Eine Standardfunktion allein ersetzt weder Prozessdesign noch Validierungsbewertung.
Stand: 17. August 2026
Vertiefung:
ERP-Anforderungen im MedTech-Betrieb
ERP-Auswahl für Medizintechnik
Chargen- und Serienrückverfolgbarkeit
Dynamics 365 Quality Management
UDI im ERP